

Digitale
Qualifizierung
in der
Impact-Lehre
Der Beitrag zeigt Learnings aus der Entwicklung von MOOCs und Blended-Learning-Angeboten und macht sichtbar, wie digitale Lehrformate schrittweise erprobt und in Curricula an Hochschulen integriert werden können.
Digitale Brücken bauen
Ein aufwendig produzierter Online-Kurs, hochgeladen auf eine glänzende neue Lernplattform – und am Ende des Semesters zeigen die Klickzahlen: Gähnende Leere. Hochschulen deutschlandweit haben schmerzhaft gelernt, dass eine moderne Benutzeroberfläche allein noch kein Engagement erzeugt. Denn nicht die eingesetzte Technologie entscheidet über den Lernerfolg, sondern die didaktisch sinnvolle Gestaltung ihres Einsatzes und die Verankerung des Angebots.
Gerade im Bereich Impact-Entrepreneurship, der von interdisziplinärer Zusammenarbeit und hohem Praxisbezug lebt, stellt sich die Frage nach der Ausgestaltung solcher Formate. Interdisziplinarität und Praxisnähe führen zwar nicht automatisch zu Digitalität, doch digitale Lernräume bieten hier strategische Vorteile: Sie fungieren als „Brücken-Technologie“, die Studierende verschiedenster Fachrichtungen zeitlich und örtlich flexibel zusammenbringt, was in starren Präsenz-Stundenplänen kaum realisierbar wäre. Dies ist für Impact-Entrepreneurship essentiell, da echte gesellschaftliche Lösungen nur entstehen, wenn die technologische Machbarkeit direkt mit sozialer Wirksamkeit und ökonomischer Tragfähigkeit (Triple Bottom Line) verzahnt wird. Zudem ermöglichen die Technologien durch die Skalierbarkeit eine niedrigschwellige Grundqualifizierung, die als notwendiges Fundament für die anschließende, intensive Arbeit an realen gesellschaftlichen Problemen dient. Doch was macht digitale Formate gerade für die Lehre von Impact-Entrepreneurship in Bayern besonders attraktiv?
Im Rahmen des Programms „Förderung der impact-orientierten Entrepreneurship-Qualifizierung“ des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst (StMWK) setzen gleich mehrere Verbundhochschulen auf digitale Vermittlungsansätze. Das Projekt Impact For Future (Hochschule München, Hochschule Landshut, Technische Universität München) nutzt Massive Open Online Courses (MOOC) zur Sensibilisierung für Impact-Entrepreneurship und als Videodatenbank für hybride Lernformate. Zusätzlich wurde ein MOOC entwickelt, der sich mit einer „Teach-the-Teacher”–Mission insbesondere an Impact-Entrepreneurship-Lehrende richtet. Das Projekt impACTup! (Ludwig-Maximilians-Universität München, Universität Augsburg) hat im Zuge der Projektlaufzeit ebenfalls ein flexibles Blended-Learning-Modul aufgebaut und es bedarfsorientiert mit verpflichtenden Präsenzformaten ergänzt.
Beide Ansätze verfolgen dabei dasselbe Ziel: Wirkungskompetenzen wie systemisches Denken, unternehmerische Eigenverantwortung und die Fähigkeit zur interdisziplinären Problemlösung nicht nur punktuell zu vermitteln, sondern strukturell in Curricula an Hochschulen zu verankern. Digitale Wissensbausteine schaffen dabei Grundlagen, auf denen Austausch und Anwendung aufbauen können. Wie diese Lernarchitekturen konkret in den verschiedenen Projekten umgesetzt werden, welche Vorteile sie bieten und welche Learnings sich bisher aus ihrem Einsatz ergeben haben, zeigen die folgenden Beispiele aus der Hochschulpraxis.
Infobox:
Was ist ein MOOC?
Ein MOOC (Massive Open Online Course) ist ein webbasiertes Lehr-Lernformat, das für eine große Zahl von Teilnehmenden gleichzeitig zugänglich ist und in der Regel ohne formale Zugangsvoraussetzungen, etwa offizielle Schulabschlüsse, genutzt werden kann. MOOCs verbinden digitale Lernmaterialien wie Video-Vorlesungen, Texte, Quizfragen und Diskussionsforen zu strukturierten Online-Kursen, die häufig von Hochschulen, Bildungsplattformen oder Weiterbildungsanbietern bereitgestellt werden. Die Kurse können mit zeitlichen Vorgaben versehen werden oder frei organisiert sein und werden zunehmend auch im Kontext beruflicher Weiterbildung und lebenslangen Lernens eingesetzt. Ziel von MOOCs ist es, Bildung orts- und zeitunabhängig zugänglich zu machen, kollaboratives Lernen in internationalen Lerngemeinschaften zu ermöglichen und zugleich Eigenverantwortung und Zeitmanagement als Lernkompetenz zu stärken.
Weiterlesen:
Pendergast, D. (2024). The Effectiveness of a MOOC as a Form of Professional Learning. Education Sciences.


Digitale Skalierung
von Impact-Qualifizierung:
MOOCs

Das Verbundprojekt Impact For Future muss in der digitalen Lehre nicht bei null anfangen, denn es nutzt strategische Allianzen zu assoziierten Partnern wie der Social Entrepreneurship Akademie (SEA) in München. Letztere verfügte bereits vor dem Förderzeitraum über drei MOOCs: Den englischsprachigen Kurs „Enabling Entrepreneurs to Shape a Better World“ (sechs Module à 4–6 Stunden), sowie die deutschsprachigen Kurse „Future Skills“ und „Social Entrepreneurship – von der Idee zur Umsetzung“. Ziel dieser kostenfreien und für alle Interessierten offenen Angebote ist ein niedrigschwelliger Einstieg sowie der Aufbau einer Wissensbasis für Themen wie Social Business Modeling, Wirkungsmessung und Systeminnovation. Alle drei MOOCs folgen dabei einer strategischen „Trichter-Logik“: Als niedrigschwellige Sensibilisierungsangebote sollen sie eine breite Masse an Teilnehmenden erreichen und diese bestenfalls in intensivere Formate wie Workshops oder Gründungsberatungen überführen. Im Rahmen der Impact For Future-Förderung wurden die Kurse außerdem um interdisziplinäre Inhalte erweitert, um die Anknüpfung diverser Fachrichtungen der Verbundhochschulen an das Impact-Entrepreneurship-Programm zu ermöglichen.
Neben der inhaltlichen Anpassung und der Verbreitung bestehender MOOCs für Studierende, wurde vom Impact For Future-Team ein weiterer MOOC mit einer übergeordneten Zielgruppe entwickelt: Der MOOC „Teach the Teacher on Impact Entrepreneurship & System Innovation“ ist ein Qualifizierungsangebot des Verbundprojekts speziell für Lehrende, Gründungsberatende und Hochschulmitarbeitende. Sie werden durch den frei zugänglichen Kurs befähigt, eigenständig impact-orientierte Lehrmaßnahmen umzusetzen. Eng verknüpft ist das Angebot zudem mit einer digitalen Toolbox, die als umfangreiches „Wiki“ eine Vielzahl an Methoden, Videos und Lehrbausteinen für den direkten Einsatz in der Lehre bereitstellt. Um auch internationalem wissenschaftlichem Personal den Zugang zu ermöglichen werden alle beschriebenen digitalen Angebote in englischer Sprache angeboten.
Architekten von Lernstrukturen
In der Umsetzung der MOOCs agieren Impact For Future-Mitarbeitende weniger als klassische universitäre Wissensvermittler oder Trainer für Dozierende, sondern vielmehr als Architekten von Lernstrukturen. Diese Tätigkeit umfasst die gesamte Koordination der MOOC-Produktion, angefangen bei der konzeptionellen Planung modularer Videoformate, über die technische Umsetzung mit Kameras, Mikrofonen und Produktionssoftwares bis hin zur didaktischen Einbettung aktivierender Elemente wie Quizfragen oder Reflexionsaufgaben. Carola Vogel, Projektleiterin von Impact For Future an der Technischen Universität München, berichtet von den Herausforderungen, die mit der Umstellung einhergehen. Darunter etwa die Gewöhnung an die Arbeit vor der Kamera, die eine präzise Vorabstrukturierung ohne die typische Workshop-Dynamik erfordert.
MOOC-Inhalte für Präsenzlehre und Blended Learning
Insbesondere die bereits produzierten Inhalte machen die MOOCs zu einer idealen Basis für Blended-Learning-Szenarien. Indem Wissen vorab per MOOC online vermittelt wird, kann die Präsenzzeit vor Ort gezielt für Austausch und das Diskutieren von Themen genutzt werden. Das kann eine Rolle spielen bei Themen wie „Systems Thinking“, bei dem es keine vorgefertigten Antworten gibt, da sie sich durch den Austausch von Meinungen und Erfahrungen entwickeln. Ein weiteres Szenario im Zusammenspiel von MOOC-Inhalten und Präsenzlehre ist das gemeinsame Anschauen von Videos im Seminarraum. Auf diesem Wege werden laut Carola Vogel inspirierende Gründungsgeschichten und Geschäftsmodelle Teil der Lehre, ohne dafür Personen einladen oder Termine koordinieren zu müssen.


Erfolgsfaktoren
Strategische Allianzen: Statt bei null anzufangen, werden bereits bestehende MOOCs (z. B. der SEA) genutzt und gezielt um Inhalte aus verschiedenen Fachbereichen (z. B. Technik, Philosophie, Wirtschaft) erweitert. Dies sichert eine schnelle Umsetzung und die Anbindung unterschiedlicher Fachrichtungen.
Sprachliche Barrierefreiheit: Die Entscheidung für Englisch als Kurssprache sichert eine universelle Einsetzbarkeit für internationales Personal und Studierende.
Learnings
Produktion erfordert neues Skillset: Das Agieren vor der Kamera und das Skripten modularer Video-Einheiten ist konzeptionell anders als klassische Lehre.
Grenzen der rein digitalen Vermittlung: Komplexe Themen wie „Systems Thinking“ lassen sich digital gut einführen, benötigen aber die anschließende Diskussion in Kleingruppen.


Das Beste aus beiden Welten: Blended Learning

Infobox:
Was ist Blended Learning?
Blended Learning (auch: hybrides Lernen) bezeichnet ein didaktisches Lehr-Lernformat, das Präsenzlehre systematisch mit digitalen (Online-)Lernphasen zusammenbringt. Lehrveranstaltungen verbinden dabei unterschiedliche Lernumgebungen – etwa Seminare vor Ort, virtuelle Lernplattformen, Online-Diskussionen oder digitale Selbstlernmodule – zu einem integrierten Gesamtkonzept. Entscheidend für den Erfolg von Blended Learning ist nicht nur die Nutzung verschiedener Medien, sondern deren didaktisch abgestimmte Verzahnung, sodass Präsenz- und Online-Phasen unterschiedliche Lernziele unterstützen und sich gegenseitig ergänzen. Ziel von Blended Learning ist es, die unmittelbare soziale Resonanz, die Gruppendynamik und die Verbindlichkeit von Präsenzformaten mit der zeitlichen Flexibilität, Individualisierung und Medienvielfalt digitaler Lernangebote zu verbinden.
Weiterlesen:
Mohammadi, M. (2025). Blended learning in higher education: good practices and challenges. Education and Information Technologies.
Das Verbundprojekt impACTup! der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Universität Augsburg entwickelt Qualifizierungsformate, die digitale Flexibilität mit persönlicher Interaktion verbinden. Der englischsprachige Basiskurs „ Innovation and Entrepreneurship for Better Futures” ist als Blended-Learning-Format konzipiert und verknüpft theoretische Grundlagen mit digitalen Austauschformaten und Terminen in Präsenz. Ziel der didaktischen Gestaltung ist es, den typischerweise passiven Konsum digitaler Inhalte konsequent durch aktivierende Lernformen zu ergänzen.
Den Kern bildet ein On-Demand-Onlinebereich auf der Lernplattform Moodle, in dem zentrale Inhalte über kurze Lernvideos (3–8 Minuten) vermittelt werden. Ergänzt wird dieses Angebot durch „Active Breaks“, durch die das Gelernte unmittelbar in Anwendungssituationen überführt wird, sowie durch persönliche Reflexionsaufgaben. Ein besonderes Qualitätsmerkmal dieser Aufgaben ist ihre lernfördernde Integration von KI: Studierende übertragen Konzepte gezielt auf eigene Erfahrungen oder selbst gewählte Praxisbeispiele. Die notwendige Personalisierung erfordert eigenständige Transferleistungen und stärkt zugleich die individuelle Auseinandersetzung mit Impact-Entrepreneurship-Inhalten.
Um eine tragfähige Lerncommunity aufzubauen, beginnt und endet das Semester mit verpflichtenden Präsenzterminen (Kick-off und Closing vor Ort), die Raum für Networking, Diskussion und Mindset-Entwicklung bieten. Ergänzend finden digitale Live-Formate statt, darunter verpflichtende Online-Gastvorträge sowie moderierte Diskussionsrunden, in denen Reflexionsaufgaben im virtuellen Plenum oder in Breakout-Rooms vertieft werden.
Organisatorische Vorteile
Digitale Qualifizierungsangebote ermöglichen eine hohe Flexibilität für Studierende und Lehrendein Raum und Zeit. Die zeitliche Flexibilität erleichtert zudem die Einbindung internationaler Studierender, etwa über Netzwerke wie das European University Alliance for Global Health (EUGLOH). Gleichzeitig erleichtern die Flexibilität die Bündelung interdisziplinärer Expertise: Fachleute aus unterschiedlichen Disziplinen können flexibel in gemeinsame Lehrformate integriert werden, was im rein physischen Vorlesungsbetrieb, z.B. durch eng getaktete Lehrpläne oder unterschiedliche Lern- und Lehrorte verschiedener Fachbereiche, häufig nur eingeschränkt möglich ist.
Neue Verantwortlichkeiten der Lehrenden
Wie sich u.a. im Projekt impACTup! zeigt, verändert sich mit Blended-Learning-Formaten auch die Rolle der Lehrenden: Sie agieren weniger als reine Wissensvermittler und werden stattdessen zunehmend zu Lernbegleiter und Coaches individueller Entwicklungsprozesse. An die Stelle klassischer Vorlesungen tritt dabei die aktive Gestaltung von Lernprozessen.
Zu den zentralen Aufgaben der Lehrenden gehören die Moderation synchroner Formate wie Diskussionsrunden, in denen asynchron erarbeitete Reflexionen gemeinsam vertieft werden, sowie die Gestaltung der Präsenztermine, die als sozialer Anker für Community-Building und Mindset-Entwicklung dienen. Gleichzeitig begleiten sie die Überführung digital erarbeiteter Inhalte in prüfungsrelevante Leistungen – etwa Poster, Projekte oder Seminararbeiten – und sichern so die curriculare Verbindlichkeit des Formats.
Erfolgsfaktoren
Modulare Video-Architektur: Kurze Lerneinheiten (3-8 Minuten) ermöglichen die Bündelung interdisziplinärer Expertisen aus verschiedenen Fachrichtungen.
Hybrides Community-Building: Die Kombination aus asynchron vermittelten Theorieelementen, synchronen Diskussionsterminen und nur zwei Präsenz-Events (Kick-off/Closing) schafft soziale Bindung unter Studierenden bei gleichzeitiger zeitlicher Flexibilität
KI-robuste Didaktik: Personalisierte Reflexionsaufgaben sichern die Qualität der Eigenleistung
Learnings
Bedarf an persönlicher Interaktion: Auch in reinen Online-Formaten bleibt der Wunsch nach direktem Austausch hoch; zusätzliche Diskussionsangebote und Erreichbarkeit war im Projekt impACTup! für den Lernerfolg wichtig
Marketing bleibt Präsenzarbeit: Um Teilnehmerzahlen zu steigern, reicht digitale Werbung nicht aus; es braucht physische Sichtbarkeit vor Ort (Infostände, Poster und aktivierende Tools wie z.B. ein Glücksrad)


Fazit

Die Erfahrungen aus den Verbundprojekten zeigen deutlich: MOOCs und Blended Learning sind keine konkurrierenden Formate, sondern komplementäre Bausteine einer zukunftsfähigen Impact-Entrepreneurship-Lehre. MOOCs ermöglichen Reichweite und die effiziente Bereitstellung von Grundlagenwissen, während Blended-Learning-Formate den Raum für Vertiefung, Austausch und projektorientiertes Lernen schaffen. In der flexiblen Nutzung digitaler Inhalte entsteht eine Lernstruktur, die sowohl Skalierbarkeit als auch Qualität gewährleistet.
Gleichzeitig verändert die Entwicklung digitaler Lernformate die Rolle von Hochschulen und Dozierenden: Sie werden zunehmend zu Gestalterinnen von Lernökosystemen, in denen digitale Wissensplattformen, Präsenzformate, Coachingangebote und Community-Strukturen strategisch miteinander verzahnt sind. Die Beispiele der Förderprojekte zeigen, dass insbesondere die curriculare Einbettung digitaler Angebote sowie ihre Verbindung mit festen Präsenzformaten entscheidend sind, um Impact Entrepreneurship nachhaltig in Studium und Weiterbildung zu verankern.
Interviewpartner:innen
- Carola Vogel, Technische Universität München, Impact For Future
- Prof. Jelena Spanjol, Ludwig-Maximilians Universität München, impACTup!
- Konstantin Leidinger, Universität Augsburg, impACTup!
Weiterführende Links